IDEA April 2022

Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt

In der Schweiz ist jedes sechste Paar ungewollt kinderlos. An einem Impulstag im Kloster Mariazell in Wurmsbach bei Rapperswil (SG) referierten kürzlich Ingeborg und Stephan Händler aus Marktoberdorf (Allgäu) aus eigener Erfahrung über Kinderlosigkeit. Und einen guten Umgang damit.

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Wenn der Kinderwunsch über längere Zeit unerfüllt bleibe, stünden viele Entscheidungen an, sagte Ingeborg Händler zu Beginn ihres Vortrages. Die moderne Medizin biete viele Möglichkeiten, zu einem Wunschkind zu kommen. Für sie und ihren Ehemann wäre das nur über künstliche Befruchtung möglich gewesen. „Ich konnte mir aber nicht vorstellen“, sagte Ingeborg Händler, die den Hauptteil des Referates bestritt, während ihr Mann technisch assistierte, „dass unser Kind ausserhalb des Körpers, im Labor, mit medizinischer Hilfe entsteht.“ Wichtig sei, dass ein Paar gemeinsam entscheide, wie weit es auf dem Weg der medizinischen Möglichkeiten gehen wolle, ohne dabei eigene Grenzen zu übergehen.

Trauerarbeit

„Der Wunsch nach einem Kind ist tief in uns verankert, denn der biblische Auftrag lautet: Seid fruchtbar!“, sagte die Referentin. Der unerfüllte Kinderwunsch rufe darum ungestilltes, schmerzliches Verlangen, ja Sehnsucht hervor, verbunden mit Traurigkeit. Leere, ein Gefühl des Ausgegrenztseins könne sich breitmachen. Die Gefahr sei gross, dass die ungestillte Sehnsucht zu viel Raum einnehme, ja sogar zerstörerisch wirken könne für einen oder beide Ehepartner. Der unerfüllte Kinderwunsch könne zum Ehe-Kitt, aber auch zum Keil werden. Es sei darum wichtig, die Kinderwunschkrise als solche wahrzunehmen, zuzulassen und Trauerarbeit zu leisten. Es sei möglich, dass die Ehepartner unterschiedlich trauerten und überhaupt anders mit der Situation umgehen würden. Der Blick auf das „Wir“ dürfe nicht verloren gehen. Seelsorgerliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, könne dabei helfen. Das Annehmen der Situation und die Versöhnung mit dieser Wegführung seien Schlüssel zur Friedensfindung. „Wenn dein Traum scheitert, lass nicht dein Leben damit scheitern“, mahnte Ingeborg Händler.

Bild von Gott auf dem Prüfstand

In einer Krise komme auch unser Bild von Gott kräftig auf den Prüfstand: Ist Gott derjenige, der mich liebt und das Beste für mich will, auch wenn ich etwas anderes für das Beste halte? „Gott kann, aber er muss nicht“, sagte die Referentin. Wir hätten als Menschen nicht grundsätzlich ein Recht auf Besitz, Gesundheit und Kinder. Wenn wir uns aber entscheiden würden, Gott neu unser Vertrauen auszusprechen, könnten Frieden und Heilung in unser Leben kommen, inmitten des Mangels. „Gott ist derjenige, der echte Lebens-, nicht nur Überlebenslösungen

anbietet“, ist Ingeborg Händler überzeugt, in Anlehnung an das Wort des Propheten Jesaja, „Bleibt nicht bei der Vergangenheit stehen, schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues tun. Es hat schon begonnen, habt ihr es noch nicht gemerkt?“ (Jesaja, 43,18-19)

Offen sein für Neues

„Gott hat einzigartige Wege für jedes Paar“, ist Händler überzeugt. Es gelte, seine Impulse wahrzunehmen, offen zu sein für Neues und sich zu fragen: Wofür schlägt mein und unser Herz? Was machen wir gerne, wo liegen unsere Gaben? So habe sie eine Ausbildung zur Seelsorgerin gemacht und später noch eine zusammen mit ihrem Mann zur Eheseelsorge. Die Grenzen wieder zu erweitern, sei wichtig, Begegnung mit Kindern und Familien zu wagen, gute Beziehungen zu pflegen, um nicht einsam zu werden. „Wir müssen wieder lernen, bewusst zu leben, Spontaneität und Flexibilität zu geniessen und Zeit zu haben für andere Menschen. Der Lebensfreude wieder Raum geben!“, sagte Händler. Es gehe um einen Blickwechsel und um einen Stopp des Vergleichens mit anderen. Sich von Gott lieben zu lassen und Liebe weiterzugeben, sei die eigentliche Berufung der Christen.

Von Dorothee Baumgartner

 

Kinderlos – und jetzt?

Wie gehen Betroffene damit um, wenn sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt? Wir haben bei zwei Ehepaaren nachgefragt.



Gaby (54) und David Stamm (55) sind seit 29 Jahren verheiratet und haben einen langen Weg mit unerfülltem Kinderwunsch hinter sich. Nach zwei Verlusten von ungeborenen Kindern entschieden sich Stamms für längere medizinische Behandlungen, welche aber auch nicht zum Ziel führten. Gaby sagt: „Wir waren mittlerweile 40 Jahre alt und entschieden uns zusammen mit der Ärztin, aufzuhören und kinderlos zu bleiben. Das war nochmal eine Zeit der Trauer. Mit dem Wissen, dass wir nie Eltern, aber auch nie Grosseltern werden.“ Katrin und Florian Schiesser, beide 40 Jahre alt und seit bald 20 Jahren verheiratet, stellten sich nach fünf Jahren der Kinderlosigkeit, verbunden mit medizinischen Abklärungen und Gesprächen, darauf ein, fremde Kinder aufzunehmen. Leider scheiterte der Weg der Adoption an ihren finanziellen Mitteln; und die nur spärlich eintreffenden Anfragen zur Aufnahme von Pflegekindern hätten die beiden momentan überfordert. „Natürlich kommen Fragen über den Sinn des Lebens auf“, sagt Katrin Schiesser. „Was ist nun meine Aufgabe? Wo soll ich mich investieren? Was, wen, wie kann ich prägen?“

Fehl am Platz

Die Familie nehme in unserer Gesellschaft, gerade auch in den Kirchen, sehr viel Raum ein, beobachtet Katrin Schiesser. Das sei wichtig und kritisiere sie auch nicht. „Für mich als kinderlose Frau ist es aber manchmal schwierig und ich fühle mich fehlplatziert. Ich gehe nur noch selten zum Gottesdienst. All die tollen, jungen Familien zu sehen, zeigt mir immer wieder auf, was uns fehlt.“ Auch Gaby Stamm fällt es oft schwer, die Situation als kinderlose Frau auszuhalten. „Ich pflege den Kontakt zu Familien und zu meinen Patenkindern und unternehme mit ihnen Dinge, die ich gern mit eigenen Kindern unternommen hätte“, sagt sie. „Aber manchmal finde ich es schwierig, wenn ich dann immer nur zum Hüten der Kinder gefragt werde, so nach dem Motto: Du hast ja keine Kinder, du machst das sicher gern.“ Sie liebe das Zusammensein mit Kindern, aber sie führe auch gerne Gespräche mit Erwachsenen oder unternehme gerne etwas mit den Eltern und den Kindern zusammen.

Halt im Glauben

Beide Ehepaare finden im christlichen Glauben festen Halt. „In unserer Ehe erleben wir Gottes Gnade sehr stark“, sagen Katrin und Florian Schiesser. „Die ganze Geschichte hat uns näher zueinander und näher zu Gott gebracht. Wir haben realisiert, dass wir unseren Wert nicht darin haben, dass wir Eltern sind. Gott traut uns zu, dass wir unser Leben auch ohne Kinder meistern können. Wenn wir unseren Blick weg vom Mangel in unserem Leben richten, erkennen wir so unglaublich viel Schönes!“ „Ohne den Glauben an Gott wüsste ich nicht, wo ich heute wäre“, sagt Gaby Stamm. Und ihr Mann fügt an: „Der Glaube gibt mir Halt. Der Glaube daran, dass Gott es gut meint, einen Plan mit uns hat.“ Und für Gaby ist der Gedanke tröstlich, dass ihre verstorbenen Kinder in der Ewigkeit auf sie warten!

Nicht alleine bleiben!

„Die ungewollte Kinderlosigkeit wählt man nicht“, sagt Florian Schiesser. „Den Umgang damit muss man aber in Angriff nehmen.“ Ihm und seiner Frau Katrin ist es wichtig, über ihre Kinderlosigkeit zu sprechen. Beide engagieren sich in einer regionalen Gruppe für Ehepaare mit Kinderwunsch. „Wir Frauen treffen uns alle sechs Wochen, essen zusammen, tauschen uns aus, beten füreinander, unterstützen uns und halten an Gott fest! Jedes dritte Mal sind die Männer dabei, dann geht es eher um Beziehungsaufbau und darum, aufzuzeigen, dass wir mit unserer Thematik nicht alleine sind.“ Auch Gaby und David Stamm sind daran, eine solche Gruppe aufzubauen. Gaby meint: „Ich möchte alle ermutigen: Bleibt nicht allein!“ In der Phase des Kinderwunsches habe sie sich nichts sehnlicher gewünscht als jemanden, der dasselbe erlebt habe. Ehepaare, welche bereits Kinder hatten, hätten sie mit Ratschlägen überhäuft, welche oft sehr verletzend gewesen seien. Jetzt möchten beide gerne Paare mit Kinderwunsch begleiten. David liegen besonders die Männer am Herzen: „Ich finde es wichtig, dass auch der Mann seine Gefühle äussert. Ich kann ihnen nur Mut zusprechen, dass sie aus sich herauskommen und das Gespräch mit anderen Männern suchen.“ Veranstalter des Impulstages war der Verein GLOW, 2021 gegründet. Im Englischen bedeutet „glow“ glühen, leuchten, strahlen. GLOW steht aber auch für Glauben, Leben ohne Wunschkind. GLOW möchte betroffenen Paaren zur Seite stehen und helfen, den Weg im Umgang mit dem (noch) unerfüllten Kinderwunsch zu finden.

Von Dorothee Baumgartner

 

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